aschauer

Arbeiten von: Matthias Aschauer, Irene Kernthaler-Moser, Karl Mayr, Magdalena Santner, Maria Schweighofer, Nina Thüllen

Ort: fotoK [2] Galerie, Reindorfgasse 38, 1150 Wien

Eröffnung: Freitag, 4.11.2011 – 19:00
Ausstellungsdauer: 5.11.2011 bis 12.11.2011, Donnerstag bis Freitag: 16 bis 20 Uhr, Samstag: 11 bis 16 Uhr

 

Realitäten – Inszenierung – Phantome

1. Wenn die Welt zu uns kommt, statt wir zu ihr, so sind wir nicht mehr „in der Welt“, sondern ausschließlich deren schlaraffenlandartigen Konsumenten.

2. Wenn sie zu uns kommt, aber doch nur als Bild, ist sie halb an- und halb abwesend, also phantomhaft.

3. …..

aus : Günther Anders; Die Welt als Phantom und Matrize

 

Dass unsere Erfahrungen der Welt zunehmend aus Bildern bestehen, hat schon den Philosophen Günther Anders zur Geburtszeit des Fernsehens Mitte des vorigen Jahrhunderts beschäftigt. In seinem Werk „Die Antiquiertheit des Menschen 1“ geht es in dem Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize“ den Massenmedien aber auch deren Konsumenten an den Kragen. An zehn philosophischen Fragen hängt er seine Untersuchungen auf, die in durchaus pessimistischen Erkenntnissen enden. Von Mundtoten und Unfreien ist da die Rede, von Lauschern und Voyeuren, von gottähnlicher Macht.

Und natürlich befasst er sich auch mit der Frage nach der Wirklichkeit, die es nun nur noch als Phantom gibt. Aufgehoben ist der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Bild. Natürlich ist das auch eine zentrale Fragestellung einer Fotografie, die in die Welt geht, um darüber zu berichten, wie es dort ist.

Die sechs Diplomarbeiten 2011, die im dritten Teil einer Reihe von drei Ausstellungen zu sehen sind, zeigen uns auch welche Formen sie finden, ihre Beobachtungen darzustellen und zu hinterfragen. Denn der Apparat bringt uns nicht nur die Welt in Form von Bildern ins Wohnzimmer – er trennt uns auch von dieser.

Ein Bibliodrama bildet den Ausgangspunkt für die Arbeit Hat hier jemand Rabbuni gesehen? von Irene Kernthaler-Moser. Hier setzen sich die Teilnehmer mit der Bibel auseinander, indem sie einzelene Textpassagen szenisch spielen. Nicht für ein Publikum, sondern zur Selbsterfahrung. Aber Irene Kerntaler-Moser, selbst Teil der Gruppe, liefert uns hier keinen Bericht über diese spezielle Form der Begegnung mit Gott. Über die Realität, die Sache (Res) hinausgehend, liefert sie uns Bilder, die das Unsichtbare zeigen und abstrahiert vom Weltlichen die Existenz von Glaube und Religion verbildlichen.

Auch Karl Mayer geht mit Revision von einer realen Welt aus. Von einer Welt die er gut kennt, in der er verankert ist. Man könnte es Heimat nennen. Eine romantische, idyllische, ursprüngliche Welt, die hier auftaucht. Doch diese Welt ist nur die Kulisse in Bildern, in welchen es um die menschliche Existenz zwischen finsteren Tälern geht. Oder eigentlich geht es um die Infragestellung dieser Existenz. Karl Mayer verunsichert uns mit dieser Kombination aus bedeutender dokumentarischer Abbildung der Landschaft und feiner Inszenierung dessen, was darin stattfinden würde. Und diese Kombination aus „ist“, „wäre“ und „wird sein“ hinterlässt vor allem ein Gefühl der Einsamkeit.

Maria Schweighofer stellt mit der Porträtarbeit Bäuerin eine Verbindung zum Land her. Und obwohl in ihren Bildern nichts davon direkt sichtbar ist, spiegelt sich hier die ländliche Welt in den Gesichtern. Aber nicht als romantische Sicht, sondern als Einblick in einen familiären Mikrokosmos. Maria Schweighofer, die selbst in einer Bergbauernfamilie aufgewachsen ist, thematisiert das schwierige Verhältnis von Schwiegermüttern und Schwiegertöchtern in der engen Arbeits- und Wohnsituation von Bauernhöfen im Joglland. Dabei lenkt sie die Komplexität der Beziehung zwischen den Porträtierten auf den Augenblick des fotografischen Moments.

Der Moment spielt auch in Matthias Aschauers sterne albaniens eine wichtige Rolle. Er hält Strassenszenen fest, in deren Mittelpunkt das steht, wofür sie gebaut sind, nämlich Autos. Fast wirken die Bilder wie eine Choreographie, wie einstudierte Bewegungen, die vor immer wechselnden Kulissen ablaufen. Dazu trägt natürlich bei, dass alle abgebildeten Kfz einen Stern als Erkennungszeichen aufweisen können. Zur Zeit der Diktatur waren Autos nur den Parteibonzen vorbehalten und diese kauften ausschließlich Fahrzeuge der Marke Mercedes. Diese 100% Mercedesdichte gibt es zwar heute nicht mehr, aber dennoch wird geschätzt, dass jedes zweite Auto in Albanien ein Mercedes ist. Aus Qualitätsgründen behauptet der Mann von der Strasse – und dennoch schickt uns Matthias Aschauer auch auf eine Reise in die politische Vergangenheit.

Mit der Arbeit YOU SEE ME – BUT YOU DON´T schafft Magdalena Santner Porträtfotografien die über das rein Sichtbare hinausgehen. Die abgebildeten Personen stehen hier nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für ihre Geschichte – für ihre Krankheitsgeschichte. Sie leiden an Essstörungen und an der Tatsache, dass ihre Erkrankung als solche oft nicht akzeptiert wird. Dabei macht Magdalena Santner hier keine Typologie oder übergroße Statements. Vielmehr richtet sie einen sehr individuellen und intimen Blick auf diese Personen, die ihren Blick nach Innen gerichtet zu haben scheinen und uns mit diesem Blick mitnehmen.

Und letztendlich richtet Nina Thüllen mit Alpen-Idyll ihren Fokus nicht mehr auf den realen Ort sondern auf die Undarstellbarkeit diese Ortes. Sie geht vom Mythos Alpen und dessen bildlicher Reproduktion aus. In ihrer dreiteiligen Arbeit verwendet sie eigenes verfremdetes Fotomaterial und gefundenes Videomaterial und schafft damit eine Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Doch ihre Bilder zeigen nicht dokumentarisch genau, worum es geht, sondern bewegen sich in einem vagen Schwebezustand. Doch genau das führt uns ganz deutlich vor Augen wie wir mit der Natur umgehen, wie wir mit falschen Bildern zu Leben gelernt haben und wie wir die Landschaft für nationale Identitätsstiftung instrumentalisieren.

Alles nur Phantome!

   
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